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Größere Werke

Georg Willenhelm
May 7
2 min read

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“ in English


„Um die gegenwärtige Landschaft des menschlichen Potenzials zu verstehen, muss man zunächst die Schichten von Sprache und Architektur betrachten, die unsere Selbstwahrnehmung geformt haben. Seit Jahrhunderten wurde ein spezifisches Narrativ um die Idee des ‚unfassbaren‘ Göttlichen konstruiert. Als Salomo seinen Tempel einweihte, sprach er von einem Gott, den selbst der höchste Himmel nicht fassen könne. Damit positionierte er das menschliche Wesen und seine physischen Strukturen als klein, endlich und grundlegend getrennt vom Unendlichen. Dies etablierte einen Rahmen der externalisierten Göttlichkeit, in dem die Macht sich immer außerhalb der Reichweite des Individuums befindet.

Dieser Rahmen wurde später durch linguistische Verschiebungen verstärkt. Nehmen wir zum Beispiel die Figur, die oft ‚Luzifer‘ genannt wird. Historisch gesehen war dies nie ein Eigenname. Im ursprünglichen Hebräisch lautete der Begriff Helel ben Shahar – ein poetischer Titel, der ‚Leuchtender‘ oder ‚Sohn der Morgenröte‘ bedeutet und verwendet wurde, um den Aufstieg und Fall eines babylonischen Königs zu beschreiben. Als der Text in die lateinische Vulgata übersetzt wurde, wurde das Wort zu lucifer, einer einfachen Beschreibung für den Planeten Venus. Doch durch nachfolgende Übersetzungen und kulturelle Überlagerungen wurde dieser beschreibende Titel in ein Eigennamen verwandelt – eine Persona, die den ultimativen Fall aus der Gnade repräsentieren sollte. Indem eine himmlische Metapher in eine mahnende Erzählung über Hochmut verwandelt wurde, festigte das Narrativ die Vorstellung, dass das Streben nach einem ‚leuchtenden‘ Status oder der Gleichheit mit dem Göttlichen ein transgressiver, sündhafter Akt sei.

Im Gegensatz dazu finden wir einen anderen Entwurf in der esoterischen Interpretation des Christus. Als Jesus erklärte, dass seine Nachfolger ‚noch größere Dinge‘ tun würden als er, errichtete er keine Hierarchie der Anbetung, sondern eine Multiplikation der Handlungsfähigkeit. Aus okkultistischer Sicht ist dies das ‚Große Werk‘ – die Erkenntnis, dass der Mensch kein minderwertiges Gefäß ist, das versucht, das Unfassbare festzuhalten, sondern vielmehr der Brennpunkt, durch den sich diese unendliche Energie selbst ausdrückt.

Die ‚Kontroll-Agenda‘, die in esoterischen Traditionen oft erwähnt wird, beruht auf der Aufrechterhaltung des exoterischen Schleiers: dem Glauben, dass wir von Natur aus unfähig seien und einen Vermittler, einen Tempel oder einen Retter bräuchten, um die Kluft zu überbrücken. Indem die ‚größeren Werke‘ als Geheimnis oder Unmöglichkeit verborgen gehalten werden, bleibt der Fokus auf dem Status des ‚niedrigen Menschen‘.

Wenn man jedoch die Rollen des Opfers, das zu klein ist, des Täters, der vom Himmel fiel, und des Retters, der uns vor uns selbst bewahren muss, abstreift, findet man eine neutrale Tatsache: das Potenzial für Souveränität. Der Wechsel von ‚Gott ist da draußen‘ zu ‚der Christus ist in uns‘ ist ein Schritt hin zur internalisierten Göttlichkeit. Er suggeriert, dass das menschliche Wesen eine hochentwickelte Technologie des Bewusstseins ist, fähig, die Werke der Vergangenheit auf einer globalen, kollektiven Ebene zu skalieren. In dieser Sichtweise sind wir nicht klein; wir sind der Mechanismus selbst, durch den das ‚Unfassbare‘ in der materiellen Welt manifest wird.“


 
 
 

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